. . . nach unbekannt abgewandert
Das Projekt entstand in Zusammenarbeit mit der Initiative HISTORISCHE LERNORTE SENDLING und wird gefördert vom Beziksausschuss 6, Sendling, München, Deutschland, Germany
 

 Joachim Both

Julie Feith nach Kaunas deportiert und dort am 25. November 1941 ermordet
JOACHIM BOTH

1876 in Polen geboren, polnischer Staatsbürger, verheiratet mit Marjem Both (geb. 1880), Sohn Max geboren 1908.
Im Oktober 1908, Übersiedlung nach München, Anmietung der Wohnung in der Lindwurmstr. 185, 1. Stock.
Tochter Fanny geb. 1909. Im selben Jahr Anmeldung des Geschäfts für Herren- und Knabenbekleidung in der Lindwurmstraße.
Nach dem 1. Weltkrieg kann er das Anwesen Lindwurmstr.

185 kaufen. Joachim Both betreibt sein Geschäft bis zum 9. November 1938.

Die Tochter Fanny Kammer ist zusammen mit ihrem Mann, Frank Kammer, an diesem Tag in Ungarn.

Am Abend des 9. Novembers treffen sich die Männer des SA-Sturmes 22/1 in der Häberlstraße 11 (MTV-Turnhalle). Sie bekommen einen Vortrag " über die Judenfrage" zu hören. Goebbels hatte kurz zuvor vom Alten Rathaus in München aus zu jenen Aktionen aufgefordert, die als "Reichskristallnacht" in die Geschichtsbücher eingehen werden. Der SA-Standartenführer in der Häberlstraße 11 fordert seine Männer auf, nach Hause zu gehen, Zivilkleidung anzulegen und dann wiederzukommen, um gegen jüdische Geschäfte vorzugehen.

Zwei dieser SA-Männer in Zivil, zwei Sendlinger offensichtlich, kommen auf dem Weg an der Lindwurmstraße 185 vorbei. Sie werfen gleich einmal die Schaufenster des Geschäfts ein. Das bemerken die 20 oder 25 Gäste der benachbarten Gaststätte (Gasthof zum Bürgerhof, Lindwurmstraße 108a). Sie kommen heraus und verprügeln die zwei Steinewerfer.

Die zwei SA-Männer berichten das unerfreuliche Erlebnis gleich anschließend in der Häberlstraße.

Kurz vor oder kurz nach Mitternacht marschiert nun ein Trupp von etwa 10 SA-Männern von der Häberlstraße zur Lindwurmstraße 185, "um Ordnung zu schaffen". Ein Obersturmführer und drei SA-Männer treten die Tür zur - leeren - Wohnung im 1. Stock ein. Die anderen Männer postieren sich vor dem Geschäft.

Gegen 0.15 Uhr kehrt das Ehepaar Both von einem Besuch in den Kammerlichtspielen zurück. Joachim Both sieht die zerbrochenen Schaufenster und sieht sich sein Geschäft an. Dann geht er mit seiner Frau zum Hauseingang.

Dort stürzen sich etwa 10 SA-Männer auf sie und schlagen zu. Joachim und Marjem Both schreien.

Joachim Both wird in seine Wohnung hinaufgeschleppt. Danach betritt auch seine böse am Auge verletzte Frau in die Wohnung - während die SA-Männer gerade herauskommen. Sie findet ihren Mann tot im Zimmer ihres Sohnes Max.

Einer der SS-Männer hat ihn aus nächster Nähe erschossen.

Die Gerichtsmedizin zum Ergebnis, dass es sich um "Hirnzertrümmerung in Folge von Kopfsteckschuss (relativer Nahschuss)" gehandelt habe. Die Einschusswunde befindet sich an der Stirne dicht über der Nasenwurzel. Das lässt an einen gezielten Schuss, an eine Exekution denken.

Am 10. November 1938 werden alle jüdischen Geschäfte in München geschlossen. Marjem und Max Both müssen sofort ihre Wohnung räumen und finden Unterkunft bei Tochter und Schwiegersohn in der Dietlindenstraße 9.

Das Warenlager des Geschäfts wird vom "arischen" Kaufmann Wilhelm Eisen übernommen. Dieser verlegt im Januar 1939 sein Geschäft aus der Artilleriestraße in die Lindwurmstraße 185.

Marjem Both wird am 20. November 1941 mit 1.000 anderen Juden nach Kaunas deportiert und am 25. November dort Opfer einer Massenerschießung.

Frank und Fanny Kammer wandern im Sommer 1939 in die USA aus. Frank Kammer meldet sich zur US-Armee.

Nach dem 2. Weltkrieg: Der Fall Both wird auf Betreiben von Frank und Fanny Kammer 1945 noch einmal aufgerollt, ohne neue Ergebnisse. 1948 reichen Fanny Kramer und Max Both beim Bayrischen Landesamt für Wiedergutmachung einen Antrag auf Rückerstattung des elterlichen Besitzes ein. Dieser wird schließlich 1950 anerkannt. Eine Entschädigung wird nicht gezahlt.




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